Malzahn und die „deutsche Grundverlogenheit“: Antiamerikanismus in Deutschland

Wer hat’s erfunden? In dem Fall Claus Christian Malzahn, welcher den Deutschen, insbesondere der jungen Generation der 18 bis 29-Jährigen, in seinem in einem sarkastischen Grundton gehaltenen Spiegel Online Kommentar Böse Amis, Arme Mullahs eine ebenso „deutsche Grundverlogenheit“ attestiert. Malzahn beschäftigt sich in seinem Kommentar mit einer vom Stern in Auftrag gegebenen FORSA Umfrage, dessen Ergebnisse besagtes Magazin in einem Artikel vom 27. März diesen Jahres vorstellt. Aus den dort veröffentlichten Ergebnissen geht zweifelsfrei hervor, dass „Amerika einen miserablen Stand in Deutschland“ hat: 48 % der Bundesbürger und 57 % der 18 bis 29-Jährigen „glauben, dass von den USA eine größere Bedrohung für den Weltfrieden ausgeht als vom Iran.“ 72 % der Befragten unterstützen gar den Widerstand von SPD-Chef Kurt Beck gegen das geplante US-Raketenabwehrsystem. Doch geht die Kritik an den USA quer durch alle Parteien – einzig die Anhänger der Union halten Teheran mehrheitlich für bedrohlicher als Washington. Und nu? Wo ist die „deutsche Grundverlogenheit“?

Malzahn, welcher das seit einiger Zeit in der öffentlichen Diskussion präsente Raketen-abwehrsystem in seinem bissigen Kommentar völlig außen vor lässt („Laut Forsa sind 54 Prozent der Deutschen der Ansicht, dass eine Stationierung der Raketenabwehrsysteme den Frieden in Europa bedrohen würde.“)  , verortet die „deutsche Grundverlogenheit“ u. a. in der Kritik an der US-amerikanischen Politik und der gleichzeitigen Beliebtheit der Vereinigten Staaten als Urlaubsziel sowie den immer wieder hohe Einschaltquoten bringenden Hollywood-Produktionen im deutschen Fernsehen. Er kommt zu dem Schluss:  

„Es vergeht kein Tag in Deutschland, an dem über die USA nicht die wildesten Behauptungen, die übelsten Schmähungen, die wahnsinnigsten Verschwörungstheorien verbreitet werden […]“

Noch vor der hoffentlich beabsichtigten Überspitzung dieser Formulierung kommt Malzahn somit zu der Aussage: „Antiamerikanismus ist prima bigott“. Dazu gibt es – aus der Perspektive eines jungen Deutschen mit einschlägiger (über den Urlaub weit hinausgehender) USA-Erfahrung – Folgendes zu sagen: Zwischen Fiktion und Realität ist zu unterscheiden; Verallgemeinerungen sind nicht zulässig. 

Ein deutscher Zuschauer der US-amerikanischen Produktion 24  rezipiert eine spannend inszenierte Darstellung, die im Umfeld eines fiktiven amerikanischen Anti-Terror-Geheimdienstes spielt. Es ist das gute Recht eines jeden Rezipienten, die fiktiven Handlungen des Helden Jack Bauer, welcher der Spannung der Inszenierung dienen, gutzuheißen. Daraus abzuleiten es sei bigott, sich einen Tag später über die realen Verhältnisse im US-Militärstützpunkt Guantanamo Bay zu beklagen, zeugt von einer Differenzierungsunwilligkeit an welcher auch die Debatte über die Auswirkungen von Ego-Shootern auf die Realität leidet. 

Der Kommentar von Malzahn leidet ebenfalls. Er leidet an Verallgemeinerung. Der einmaligen Nennung der Ergebnisse der FORSA Umfrage folgt eine Tirade von Aussagen „des Deutschen“, welche zum Teil selbst in einer sarkastischen Rede fehl am Platze sind: Wem versucht der Autor hier die Aussage unterzuschieben, der Nationalsozialismzs sei nur ein Betriebsunfall gewesen? Das manche Spiegel-Leser der Meinung sind, Bush sei „schlimmer als Hitler“ ist wohl kaum als repräsentativ anzusehen.

Sarkasmus, Verallgemeinerungen, bissige Kommentare – all dies eignet sich weder als Reaktion auf noch zur Verarbeitung der durchaus beunruhigenden Ergebnisse einer aktuellen Studie. „Deutsche Grundverlogenheit“ lässt sich evtl. aus den Spitzen Malzahns rekonstruieren, geht aber an der Wirklichkeit weit vorbei. Die „offizielle deutsche Politik“ schlicht als Hauptursache für den Antiamerikanismus anzusehen, dabei elegant zu verschweigen, dass selbst Jeffrey Gedmin die desaströse Selbstdarstellung der Bush-Regierung in Europa kritisiert, somit statt einer differenzierten Betrachtung (dessen Fehlen er bei den Befragten der FORSA Studie offensichtlich vermisst) selbst nur monokausale Begründungen für die Ergebnisse der Studie zu liefern, um daraus die (wohl sarkastisch gemeinte) Forderung nach einer erneuten re-education abzuleiten ist eine schwache Leistung. 

Fazit: Löschenswert.    

   

 

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Medien, Politik, USA

4 Antworten zu “Malzahn und die „deutsche Grundverlogenheit“: Antiamerikanismus in Deutschland

  1. Pingback: Perspektive 2010 » Blog Archive » Claus Christian Malzahn bei Deutschlands größtem Boulevard-Magazin

  2. Eine Dir nicht genehme Meinung als »löschenswert« zu bezeichnen, lässt Dein Verständnis für Meinungsfreiheit allerdings in einem äusserst schlechten Licht herumhängen.
    Btw:

    einzig die Anhänger der Union halten Teheran mehrheitlich für bedrohlicher als den Iran.

    Ähm …?

  3. thehartworker

    @mkorsakov: Flüchtigkeitsfehler beseitigt… danke für den Hinweis. „Löschenswert“ bitte ich folgendermaßen zu verstehen: Der Kommentar von Malzahn ist leider unsauber und einseitig. Deswegen dieses Fazit ;-). Hinzu kommt, dass der Einfluss meines gerade erst entstandenen blogs wohl kaum vorhanden ist… deswegen das „löschenswert“ mit einem Zwinkern verstehen ;-). Ich bin natürlich ein Freund der Meinungsfreiheit. Sonst hätte ich ja hier nichts zu schreiben …

  4. Ich werde mich an dieser Stelle nicht entschuldigen, auch ein „Malzahn“ zu sein, alerdings bin ich auch nicht verwandt mit dem Autor des oder der besprochenen Artikel.

    Woher kommt denn der Antiamerikanismus der jungen Generation? Etwa dadurch, dass ca. 2/3 der Amis Waffen tragen wollen? Oder daher, dass
    viele Kriege durch Bush und Co. begonnen oder unterstützt wurden und werden? Vielleicht, dass einige oder ein paar mehr daran glauben, dass einige Krankheiten wie Vogelgrippe, Aids u.ä. als Tests für die biologische Kriegsführung der Amis dienten?
    Wer kann denn schon mit Gewissheit sagen, dass es sich dabei um Verschwörungstheorien einiger Extrempessimisten handelt, zum Beispiel haben amerikanische Forscher seit etlichen Jahren mit Erregern ähnlich der spanischen Grippe geforscht, die seinerzeit Millionen Tote verursachte. Diese Erreger haben verdächtig viel Ähnlichkeit mit den Auslösern der heutigenVogelgrippe!

    Alles nur Zufall? Oder hören die Amis nicht den kompletten Telefonverkehr mit deutschen Firmen ab, wird nicht jede Email durchschnüffelt?

    Leider sehe ich solche Verhältnisse auch auf uns zukommen, man denke an die Onlinedurchsuchung, die Schäuble laut fordert. Ich warte jetzt auf den Tag, an dem jede Wohnung per Videokamera überwacht wird. Orwell, wie naiv warst du doch.

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